Kapitel 7: Wann ist Fotografie? Teil 1 von 2

Ich erwähnte eben, dass Barthes ‚Fotografie-Sein' an die Abbildung von Realität bindet. [Barthes S. 117]: "... die Gewißheit des PHOTOS: auch wenn ich mich noch so sehr mühe, alles, was ich feststellen kann, ist, daß es genau so gewesen ist; für jeden, der ein Photo in Händen hält, liegt darin ein "fundamentaler Glaube", eine "URDOXA", die nichts zerstören kann, es sei denn, man beweist mir, daß dieses Bild keine Photographie ist. ...".

Mit der anderen Fotografie würden wir aber das gerade beweisen. Wenn wir also Barthes nichts entgegnen können, dann verschwinden damit zwar nicht die Bilder der anderen Fotografie aber sie wären keine Fotografien mehr.

Der historische Blick bringt vielleicht am schnellsten eine Klärung. Der ‚Fotoapparat' war bis auf den ‚Objektivdeckel' mit der Camera obscura bereits da. Die von Johann Heinrich Schulzes beschriebene Schwärzung von Silbersalzen durch Licht [KempWolfgang S.17] war die Basis, um das vom Licht auf das Zeichenpapier in der Camera obscura projizierte Abbild  ohne die Mitwirkung einer zeichnenden Hand auf das Papier zu übertragen und der erste Schritt des fotografischen Prozesses. Noch eine ‚darstellende Fotografie', die vom ‚Betrachtungslicht' bald geschwärzt ist. Mit der Erfindung einer wirksamen Fixierung folgte der zweite: Die ‚bildende Fotografie' als dauerhaftes Abbild.

Der Wunsch, dass Bild in der Camera obscura zu fangen, war aber nur der Antrieb für die Suche nach der Chemie der ‚bildenden Fotografie'. Technisch notwendig ist die Camera obscura für die bildende Fotografie aber nicht.

Also kann man durchaus diesen chemischen Prozeß von Silbersalz auf Papier + Licht + Entwicklung + Fixierung =  dauerhafte Lichtspur auf Papier als "fotografischen Prozeß" bezeichnen und das Ergebnis, also das dauerhaft geschwärzte Papier, als eine Fotografie. Damit wären die Bilder der anderen Fotografie, da sie auch Ergebnisse des fotografischen Prozesses sind, als Fotografien gerettet. Leider wäre damit die unzerstörbare URDOXA von Herrn Barthes zerstört.

Stopp, und was wäre der fotografische Prozeß im Zeitalter der digitalen Fotografie? "Fotografischen Prozeß" im Digitalzeitalter = Lichtempfindliche Schicht (=Bildsensor) + Licht + Wandlung der Lichtwerte in Zahlen (=Entwicklung) + Speicherung (=Fixierung) der Zahlen der Lichtwerte + Rückwandlung der Zahlen in Lichtwerte zur Sichtbarmachung (= Bildschirm oder Druckerausgabe ec.).

Der so beschriebene fotografische Prozeß würde aber besten Falles ein paar konkrete Fotografien zwischen ganz in Weiß bis ganz in Schwarz liefern. Wie kämen nun die klassischen Fotografien zustande? Wenn wir zwischen Lichtquelle und lichtempfindlicher Schicht Realität einfügen z.B. einen Kopf und von dem Kopf mit der Camera obscura die zentralperspektivischen Lichtstrahlen auf diese lichtempfindliche Schicht gelangen lassen, dann erhalten wir ein Abbild des Teiles des Kopfes, der in diesem Moment der Camera obscura zugewandt war. Und die ‚anderen' Fotografien? Der ‚Aufbau' kann so bleiben. Es geht mit und ohne Camera obscura. Man muss nur das Licht auf seinem Weg von der Lichtquelle zur lichtempfindlichen Schicht beeinflussen, sodass wir dann auf der Fotografie ein Bild sehen (=Bildgenerator).   Zum Kapitel 7 Teil2

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